Last Minute – ein Weihnachtskrimi mit Theo

Last Minute WeihnachtskrimiLiebe Leserinnen und Leser,
um die Zeit bis zum nächsten Krimi mit Theo und Matze zu verkürzen, habe ich einen kleinen Weihnachtskrimi geschrieben. Ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen und ein frohes Weihnachtsfest.
Weihnachtliche Grüße,
Ihre Birgit Storm

Last Minute

Jingle Bells, Jingle Bells schepperte das alte Radio in der Küche, als der Suhler Kommissar Theo Greitner mit der Brötchentüte vom Bäcker zurückkam. Seine Frau Marion hatte bereits den Kaffee aufgebrüht und wartete auf ihn am gedeckten Frühstückstisch mit einer großen To Do Liste für den heutigen Tag. Die Kinder Patrick und Jaqueline schliefen noch, beide genossen die lang ersehnten Weihnachtsferien.

Theos Kopf dröhnte, gestern Abend war er mit seinem Hamburger Partner Matze und einigen anderen Kollegen auf dem Weihnachtsmarkt gewesen. Er erinnerte sich nicht mehr, wieviele Glühwein er vernichtet hatte, aber es waren eindeutig zu viele gewesen. Jeder der Männer hatte mindestens eine Runde ausgegeben, immer mit einem kräftigen Schuss Rum dazu. Tatsächlich hatte es  dann auch noch zu schneien begonnen. Sah schon ein wenig kitschig aus, wie die Flocken so sanft vom Himmel schwebten, angeleuchtet von den Lichterketten, die alle Buden und Weihnachtsbäume auf dem Suhler Marktplatz schmückten. Er kratzte sich am Kopf und fragte sich, wie Matze wohl nach Hause gekommen war. Der würde in diesem Jahr zum ersten Mal in Thüringen Weihnachten feiern. Seine ganze Familie hatte sich in Oberhof eingemietet, alle hofften auf weiße Weihnachten und es schien, als sollte sich dieser Wunsch erfüllen. Vermutlich hatte sich Matze ein Taxi genommen, in dem alkoholisierten Zustand war das mit Sicherheit besser als seine Freundin Vanessa zu bitten, ihn abzuholen. Meist war die ja ohnehin im Hotel mit anderen Aufgaben beschäftigt.  Na, egal, das war ja nicht sein Problem.

„Würdest du, wenn du den Baum aufgestellt hast, bitte die Gans abholen? Bis 12 Uhr muss das passieren, sonst haben wir heute Abend zur Bescherung nichts zu essen, Theo.“

Der wandte sich jetzt wieder seiner Frau zu. „Was hast du gesagt? Irgendwie bin ich noch nicht ganz einsatzfähig,“ murmelte er.

Marion grinste. „Hast Kopf, was?“ Sie wiederholte den Auftrag für ihren Mann. Kein Weihnachtsbraten, das war eine ernsthafte Drohung. Auf das ganze Drumherum zu Weihnachten konnte Theo gut verzichten, aber auf keinen Fall auf das Festessen. Er war froh, dass er jetzt einen wichtigen Grund hatte, loszuziehen, denn es gab noch ein anderes Problem. Er hatte noch keine Geschenke für die Familie. Wie jedes Jahr war es wieder ganz plötzlich Weihnachten geworden.

Nach dem Frühstück weckte er erst einmal seinen Sohn, wie üblich sehr burschikos, mit den Worten „Aufstehen. Der Baum muss in die Stube!“ Das müde „Nachher“, aus dem Zimmer korrigierte er knapp mit einen „Jetzt! Und damit meine ich sofort und nicht in einer halben Stunde.“ Er hängte noch die Drohung dran :“Ich muss los. Sonst holst du die Gans mit dem Fahrrad ab!“ Fünf Minuten später schlurfte Patrick tatsächlich aus dem Haus, wo Theo schon mit der Säge auf ihn wartete. Er hatte in der letzten Woche ein Prachtexemplar von Baum besorgt, drei Meter hoch, da musste noch was abgesägt werden und dann ab in den Ständer. Das klappte mit Patricks Hilfe heute erstaunlich gut und schnell.

„Wo du schon mal hier bist, kannst  du gleich noch die Auffahrt vom Schnee befreien“, forderte er seinen Sohn auf, der sich gerade mit der Fernbedienung auf das Sofa verabschieden wollte. „Die Frauen schmücken gleich den Baum, da hast du bestimmt noch weniger Lust drauf“, bestimmte Theo, als sich Patrick  mit „Immer ich!“ erfolglos beschwerte.

„Ich zieh dann mal los“, rief er seiner Frau zu und stapfte zum Auto. Patrick hatte den ersten Teil der Auffahrt bereits freigeschippt und Theo fuhr grinsend mit erhobenen Daumen an seinem mürrisch blickenden Sohn vorbei.

Er schaute auf seine Armbanduhr. Zwei Stunden Zeit, den Weihnachtsbraten zu besorgen. Jetzt musste es schnell gehen. Theo hatte  verdrängt, dass er, wie in jedem Jahr, nicht der Einzige war, der nur noch mal eben eine Kleinigkeit am Heilig Abend zu besorgen hatte. Die warmen Strümpfe für seine Mutter waren schnell gekauft, etwas länger stand er dann bei den Süßigkeiten an, denn die Schwiegereltern bekamen wie in jedem Jahr eine große Schachtel vom guten Lübecker Marzipan. Jetzt in die Parfümerie. Mein Gott, diese Duftschwaden vernebelten den Rest seiner denkfähigen Gehirnzellen. Ungeduldig stellte er sich in die lange Schlange der Wartenden. War das warm hier. Er öffnete den Reißverschluss seines Parkas, um sich ein wenig Abkühlung zu verschaffen. Endlich fragte ein  junges Vampirmädchen mit pechschwarz umrandeten Augenlidern nach seinem Wunsch. „Ein Parfum für ein junges Mädchen“, äußerte er vage und schon versprühte die Verkäuferin diverse Proben auf Papierteststäbchen und hielt ihm diese unter die Nase. Theo wurde schwindelig. „Was empfehlen Sie mir denn“, fragte er hilflos, bekam aber nur zur Antwort, dass das Geschmacksache sei. Und dann immer wieder dieses Jingle Bells im Hintergrund. „Ich nehme das dritte“, entschied Theo ohne weiteres Nachdenken und erschrak, als er für „das dritte“ an der Kasse 45 € bezahlen durfte. Zumindest inklusive wunderschöner Verpackung, die ihn noch zusätzliche 15 Minuten in der Warteschlange kostete. Theo stöhnte, noch 50 Minuten Zeit. Schnell zum Kino und einen Gutschein für Patrick gekauft. Weitere 15 Minuten in der Schlange verbracht. Eigentlich wollte er für Marion hübsche Unterwäsche aussuchen, aber das schaffte er heute nicht mehr. Also hinein zum Juwelier um die Ecke. Oh nein, auch hier standen noch sechs Verzweifelte vor ihm, auf der Suche nach einem passenden Geschenk. Theo ergab sich. Woanders würde es auch nicht schneller gehen. Zumindest dudelte hier kein Jingle Bells in Dauerschleife. Nur ein Glöckchen läutete dezent an der Ladentür, als der nächste Kunde das Geschäft betrat. Aber der reihte sich nicht hinter Theo in die Schlange ein, sondern stürmte sofort zum Verkaufstresen durch. Doch er hatte nicht mit dem Kommissar gerechnet. Jetzt war Theo in seinem Element und packte den Mann von hinten an der ins Gesicht gezogenen Kapuze. „Hinten anstellen. Wie alle anderen auch“, dröhnte sein Bass durch das Geschäft und der Verkäufer ihm gegenüber starrte ihn nur sprachlos an.

Hinter sich hörte Theo zustimmendes Gebrumme der anderen Wartenden. „Richtig so!“ „Wir stehen schließlich auch an.“ „Da kann ja jeder kommen.“  Doch er selbst war in diesem Moment nicht mehr so sicher, dass seine Aktion richtig gewesen war, denn der Mann vor ihm schnellte herum und drückte ihm eine Pistole an die Stirn.

„Klappe halten!“, und an den Verkäufer gewandt „Raus mit der Kohle und auch den Schmuck vom Tresen hier rein.“ Er warf einen großen, abgewetzten Rucksack auf den Tisch.

Die Wartenden kreischten und Theo schrie nur „Raus hier, alle sofort raus!“ Schneller als Jemand bis drei hätte zählen können, war der Laden leer. Nur Theo, der Räuber und der vor Schreck schlotternde Verkäufer blieben am Tresen zurück. Die zweite Bedienung war ebenso schnell, wie die anderen Kunden den Laden verlassen hatten, nach hinten in die Büroräume verschwunden.Theo hoffte, dass der Mann zumindest geistesgegenwärtig den Notknopf gedrückt hatte. Er schielte auf seine Uhr. Nur noch 15 Minuten Zeit, um die Weihnachtsgans abzuholen. „Und jetzt zu dir“, schnauzte er den Mann an. „Kauf gefälligst deine Geschenke rechtzeitig und sieh zu, dass du das Geld dafür vorher verdient hast!“ Er packte das Handgelenk mit der Pistole und drückte so kräftig zu, dass der Mann schmerzerfüllt, die Waffe fallen ließ. Dann dreht er ihm den Arm auf den Rücken und drückte ihn mit dem Oberkörper auf den Tresen. Jetzt hatte er endlich eine gute Sicht auf die Auslage. Das zierliche goldene Armband vor ihm würde Marion sicher gut gefallen. „Packen Sie mir das mal hübsch ein“, forderte er den zitternden Verkäufer auf. „Aber schnell, ich habe nur noch fünf Minuten Zeit“. Draußen hörte er das Martinshorn eines Streifenwagens. Die Kollegen kamen pünktlich, nahmen verdutzt den gefangenen Räuber in Empfang und sicherten die auf den Boden gefallene Spielzeugpistole. „Wenn du hier nicht aufgetaucht wärst, hätte ich es nicht mehr pünktlich zur Gans geschafft. Danke Kumpel!“, verabschiedete sich Theo von dem Mann. Ungläubig starrte der ihn an, die Kollegen brachen in Gelächter aus und der Verkäufer erwachte aus seiner Schockstarre und zog Theos EC-Karte durch sein Gerät. Der griff das Päckchen für seine Marion und seine Scheckkarte. Um 12 Uhr verließ er die Fleischerei  mit seinem Weihnachtsbraten. Jetzt konnte das Fest beginnen.

Die Kerzen am Baum leuchteten und Marions Augen  noch mehr, als sie Theos Päckchen auspackte. „Theo, wie kommst du denn zu solch einem Geschenk für mich?“ fragte sie gerührt. Meist steckte in seinen Paketen etwas Praktisches, so wie Wäsche oder was für die Küche.

„Überfall auf einen Juwelier. Kannst aber behalten. Gehört jetzt dir,“ grinste Theo.

Die ganze Wahrheit erfuhr sie erst nach den Festtagen aus der Zeitung.

 

© Birgit Storm  Dezember 2017

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